Alles begann auf unserem Küchentisch. Nach Feierabend und den Abendstullen wurde er freigeräumt. Dann neu befüllt mit Feilen und Hammer, feinmechanischen Fertigungsteilen, Handskizzen, Widerständen, Ölen und Fetten. Spulen wurden noch von Hand gewickelt mit Kupferdrähten ab 0,1 mm Stärke – ca. 10 Pfennige konnte man da sparen, so etwa…Nebentätigkeit hieß das. Das tagsüber als Werkstattleiter in der Angewandten Physik an der Uni Münster war „die Arbeit“.

 

Ruth und Bernward Rittmeyer

Ruth und Bernward Rittmeyer

 

Ein Freund überredete unseren Vater und Großvater Bernward Rittmeyer und seine Frau Ruth zur zunächst gemeinsamen Selbständigkeit. Am 1.5.1966 (tatsächlich am 1.Mai!) kam es schließlich – mit Billigung der Uni und aus Sicherheitsgründen zunächst unter Weiterführung des bestehenden Arbeitsverhältnisses – zur Geburt der neuen kleinen Firma FEINTECHNIK R.Rittmeyer & Co. Die Fertigungsstätte: in Münster „An der Kleimannbrücke 10“, die Größe: keine 40 qm, Mitarbeiter: einer; die Ausstattung: 2 uralte, sehr einfache Drehautomaten (immerhin nicht mehr mit Riemenantrieb…). Eine Garage mit Klo eben – mehr war nicht drin zunächst. Und da unser Vater noch im „Öffentlichen Dienst“ beschäftigt war, wurden eben die Ehefrauen zu den Gründerinnen.

 

So hat alles begonnen.

 

Alfred-Krupp-Weg-76

Münster, Alfred-Krupp-Weg 76

 

Nur wenige Monate später, am 1.10.1966, dann aber doch die Erweiterung der Firmenfläche auf luxuriöse 150 qm. Eine Mietetage im Alfred-Krupp-Weg 76; mit dem Charme der Nachkriegs – Industriearchitektur. Sowas kriegt man heute gar nicht mehr hin…

 

In dieser Etage sollte sich die junge Firma entwickeln. Das war ihr Zuhause bis zum 3.November 1978. Einzige Vorteile: bezahlbare Miete und fußläufig bis zur Wohnung. So provisorisch das heute anmutet – in diesen Jahren kam die FEINTECHNIK enorm voran:

 

  • Vollzug der Selbstständigkeit des Gründers
  • vom Lohnfertiger zum Konstruktionsbetrieb
  • Ausbildung erster Lehrlinge
  • Internationalisierung
  • Entwicklung und Bau zunächst von Kabelabisoliermessern, später dann von
  • Kabelbearbeitungsmaschinen
  • Mitarbeit von Ehefrau Ruth Rittmeyer

 

Ruthchen-III

Ruth Rittmeyer 1967

 

  • Mitarbeit von Tochter Renate Rittmeyer-Müller

 

Renate-Hannover-1968

Renate Rittmeyer-Müller Hannover 1968

 

  • Übernahme der Vertretung der MEGOMAT AG aus der Schweiz
  • Wachstum bis auf ca. 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

 

 

Hannover Messe 1968 mit eigenem Stand

 

„Klingelt“ was beim Kabelabisoliermesser „JOKARI“, einem kleinen Handwerkzeug für Elektriker zum Abisolieren von Kabeln und Leitungen? Das „RI“ steht heute noch für „RITTMEYER“. Das war der Start in die Kabelabisoliertechnik.

 

Hannoer-Messe-1968-Stand

Der erste eigene Messestand auf der Hannover Messe 1968

 

Schon zur Hannovermesse 1968 präsentierte sich das junge Unternehmen aber erstmals mit einem eigenen kleinen Abisoliermesser F14 der Öffentlichkeit. Es wurde ein Renner, zigtausendfach verkauft weltweit, und trug – zusammen mit weiteren Hand-Abisolierwerkzeugen, die in der Folge von B.Rittmeyer entwickelt wurden – ganz wesentlich bei zur erfolgreichen Entwicklung des Unternehmens in den ersten Jahren.

 

Das be-ri Kabelabisoliermesser F14 hat innerhalb kurzer Zeit einen Legendenstatus erworben. Es wurde bis in die 80er Jahre gebaut und weltweit vertrieben.

Kabelabisoliermesser F14

 

Ende der 60er wurde dann die erste Abisoliermaschine gebaut – die AM1: erdacht, entwickelt und gezeichnet vorm Schwarzweiß-Fernsehgerät, zwischen Tagesschau und Testbild.

 

AM-1

„Die“ AM 1

 

Eine Maschine im Übrigen, die noch immer von uns Nachfolgern gefertigt wird. Wohl etwas aufgehübscht inzwischen, aber im Prinzip baugleich wie zu Beginn. Unverwüstlich und hochignorant gegenüber Überlegungen wie Nachfolgeschäft durch Ersatzteilbedarf, begrenzte Lebensdauer, geplante Obsoleszenz.

 

Im November 1978 dann der nächste Schritt: Umzug voller Stolz in die eigene Halle im Höltenweg 103 in Münster. Da sind wir noch immer…

 

Höltenweg-103

Betriebsstätte der FEINTECHNIK R.Rittmeyer GmbH in Münster

 

Natürlich ging es immer weiter mit den Maschinenentwicklungen. Ende der 70er Jahre kam die AV-0 auf den Markt, die weltweit erste Maschine mit rotierenden Messern, die durch einen axial verschiebbaren Konus zugestellt wurden. Dieses Prinzip in leicht abgewandelter Form wurde später mit unserer Zustimmung auch von der Firma Schleuniger AG für deren erste Koaxial – Abisoliermaschine verwendet.

 

AV-0-Abisoliermaschine

Rotations-Abisoliermaschine AV – 0

 

Im Jahr 1986 trat dann auch der Sohn Walter Rittmeyer in das Unternehmen ein. Leider gab es für ihn nur eine sehr kurze Phase der Zusammenarbeit mit dem Vater – Bernward Rittmeyer verstarb am 6.3.1987 wenige Tage vor seinem 65sten Geburtstag.

 

„Nebenbei“ sind über die Jahre immer wieder Sonderentwicklungen für die verschiedensten Kunden und Einrichtungen entstanden: Für das heutige Westlotto eine Lostrommel beispielsweise, die im Dritten Fernsehprogramm als Vorgänger der späteren Mittwochsziehung zum Einsatz kam. (Was für eine Aufregung jedesmal, dass dieses spacige Monster auch wirklich funktioniert und nicht vor einem Millionenpublikum mitten in der Ziehung plötzlich stehen bleibt…).

 

Lostrommel-WDR

Lostrommel für den WDR

 

In den 90er Jahren haben wir ein Dummy gebaut für eine Vorrichtung, mit der vom Weltraum aus die Veränderungen der Ozonschicht gemessen werden sollten. Das Projekt war geleitet worden vom Wissenschaftsastronauten Reinhardt Furrer, der leider auch zu früh verstorben ist bei einer Flugschau in Berlin. Die Aufgabe hatte darin bestanden, weltraumtaugliche Materialien mit spezifischen Legierungen zu verwenden, sowie den typischen atmosphärischen Bedingungen der Raumstation MIR zu genügen.

 

Oder später im Jahre 2008, als „wir Olympiasieger wurden“ bei den Sommerspielen in Peking… Mit einem Diopter, entwickelt von unserem Mitarbeiter Heiko Bröker. Der indische Schütze Abhinav Bindra hatte kurz vor der Olympiade einen von 5 Prototypen zum Test bekommen und entschieden, trotz nur sehr kurzer Eingewöhnungszeit damit anzutreten. Und er hat mit diesem Diopter tatsächlich die erste Goldmedaille für Indien überhaupt bei Olympischen Spielen gewonnen.

 

Diopter freigestellt II

Diopter „Free-Sight“

 

50 Jahre FEINTECHNIK R.Rittmeyer GmbH – es gibt „den Laden“ immer noch. Längst schon und inzwischen seit Jahrzehnten geführt von den Geschwisterkindern Renate Rittmeyer-Müller und Walter Rittmeyer, seit gut sechs Jahren assistiert vom Enkel Dipl.-Ing. Hannes Rittmeyer. Und – die „Arbeiten“ an der 4. Generation haben mittlerweile begonnen (auch wenn die Urenkel noch nichts davon ahnen, verzeihlich ob ihres Alters von 5 Jahren bzw. 5 Wochen…).

 

Die FEINTECHNIK R.Rittmeyer GmbH mit ihren knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern behauptet sich in den Geschäftsfeldern Kabelbearbeitungsmaschinen, Sondermaschinenbau und -entwicklungen (hauptsächlich für die Medizintechnik), Sonotrodenbau und – seit Beginn in entschiedenster Absicht – in der klassischen Feinmechanik. Da kommen wir her, dieses Berufsbild möchten wir nach wie vor aufrecht halten, auch im Andenken an unseren Vater und Großvater, der ein leidenschaftlicher Feinmechaniker gewesen ist.

 

Das Tüftelgen ist uns offenbar weitergegeben. So entwickeln wir seit Neuestem den „beri-boy“, einen 3D – Drucker in FDM/FFF-Technik mit maschinenbaulichen Ansprüchen an Präzision und Industrietauglichkeit, den „netten Kollegen“ für Entwickler, Designer, Kreative und „professionelle Amateure“. Die Markteinführung ist geplant ab April 2017.

beri-boy-quadrat

3D – Deltadrucker beri-boy

 

50 Jahre als Maschinenbauer – da kommt alles zusammen an Höhen und Tiefen, an Erfolgen und katastrophalen Fehlern. Wir sind „Olympiasieger“ und „mit blauem Auge Davongekommene“ gleichermaßen. Unsere internationalen Erfolge als kleines, innovatives Maschinenbauunternehmen haben wir auch unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken. Viele begleiten und unterstützen uns seit Jahrzehnten, haben bei uns schon als Lehrlinge angefangen. Sie haben maßgeblichen Anteil an unserem Bestehen, ohne ihren zuverlässigen Einsatz und ihre Solidarität wäre ein Überleben in den harten Jahren nicht möglich gewesen.

 

Wir möchten uns aber auch bei unserer Bank bedanken, der Volksbank (auch sie heißt inzwischen komplizierter, wird aber immer „die Volksbank“ bleiben für uns). Ohne ihre besonnene und zuverlässige Begleitung wäre das Meistern mancher Krisen der Vergangenheit in die sprichwörtliche Hose gegangen. Und schließlich – Herzlichen Dank auch und natürlich an unsere vielen tausend Kunden, weltweit verstreut auf allen Kontinenten. Ohne sie geht gar nichts – auch das ist uns bewusst.

 

Wo es hingeht? Vielleicht einfach weiter so wie bisher, mit Kontinuität und der lustvollen Bereitschaft zu ständigem Wandel…!

 

Mit Dank und besten Grüßen an alle uns Wohlgesonnenen:

 

Renate-Walter-Hannes

Renate Rittmeyer-Müller ——————–Walter Rittmeyer————————-Hannes Rittmeyer